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Energiewende und Kraftwerksmix – zwischen Klimaziel und Versorgungssicherheit

Zuletzt aktualisiert am 6.10.2026 · Deutschland Simulator Ratgeber

Die Energiewende ist das größte Infrastrukturprojekt der Bundesrepublik: Ein Stromsystem, das über ein Jahrhundert um Kohle-, Gas- und Kernkraftwerke herum gebaut wurde, soll bis 2045 klimaneutral werden. Ein guter Teil des Weges ist geschafft – aber der schwierigste Teil kommt erst noch.

Wo Deutschland heute steht

Inzwischen stammt mehr als die Hälfte des in Deutschland verbrauchten Stroms aus erneuerbaren Quellen. Wind an Land und auf See ist die wichtigste Einzelquelle, Solarstrom wächst am schnellsten und hat 2025 erstmals mehr Strom geliefert als die Braunkohle. Dazu kommen Biomasse und Wasserkraft.

Gleichzeitig hat Deutschland zwei Ausstiege beschlossen:

Das gesetzliche Ziel ist ehrgeizig: 80 Prozent Erneuerbare am Stromverbrauch bis 2030, Klimaneutralität bis 2045.

Das Kernproblem: die Dunkelflaute

Übers Jahr gerechnet könnten Wind und Sonne schon bald fast den gesamten Strombedarf decken. Das Problem ist nicht die Menge, sondern der Zeitpunkt. Solarstrom gibt es nur tagsüber und im Winter wenig, Windstrom schwankt mit dem Wetter.

Besonders kritisch sind Dunkelflauten: windstille, trübe Wintertage, an denen beide Quellen gleichzeitig fast ausfallen – oft über mehrere Tage. Dann muss der Strom aus anderen Quellen kommen. Ohne große Speicher bedeutet das: Deutschland braucht weiterhin steuerbare Kraftwerke, die jederzeit einspringen können, auch wenn sie nur wenige hundert Stunden im Jahr laufen.

Dafür kommen im Wesentlichen vier Optionen in Frage:

  1. Gaskraftwerke, die später mit Wasserstoff betrieben werden sollen. Die Bundesregierung will dafür neue Kraftwerke ausschreiben.
  2. Importe über das europäische Verbundnetz – sinnvoll, aber in einer europaweiten Flaute teuer und knapp.
  3. Speicher: Batteriespeicher wachsen rasant, decken aber bisher nur Stunden ab, keine Wochen.
  4. Flexibler Verbrauch: Wärmepumpen, E-Autos und Industrie, die ihren Bedarf in günstige Stunden verschieben.

Netze: das unterschätzte Nadelöhr

Der Wind weht vor allem im Norden, die großen Verbraucher sitzen oft im Süden und Westen. Deshalb müssen tausende Kilometer neue Übertragungsleitungen gebaut werden, etwa die Gleichstromtrasse SuedLink. Viele Projekte haben sich wegen Planungsverfahren und Bürgerprotesten um Jahre verzögert.

Solange das Netz nicht reicht, müssen Netzbetreiber regelmäßig eingreifen: Windparks im Norden werden abgeregelt, Kraftwerke im Süden hochgefahren. Dieses Redispatch kostet jedes Jahr Milliarden – Kosten, die über die Netzentgelte auf der Stromrechnung landen.

Und die Kernkraft?

Kaum eine Frage wird so emotional diskutiert wie die Rückkehr zur Kernkraft. Befürworter verweisen auf CO₂-freie, wetterunabhängige Grundlast. Gegner auf ungelöste Endlagerfrage und hohe Kosten.

Ein nüchterner Blick auf Europa zeigt vor allem ein Zeitproblem: Die jüngsten Neubauten in Westeuropa, Olkiluoto 3 in Finnland und Flamanville 3 in Frankreich, brauchten jeweils rund 17 bis 18 Jahre vom Baubeginn bis zum Netz und wurden um ein Vielfaches teurer als geplant. Neue Kernkraftwerke könnten zum Klimaziel 2045 also nur noch wenig beitragen. Größere Hoffnungen ruhen auf kleinen modularen Reaktoren und langfristig auf der Kernfusion, die aber noch Jahrzehnte von der kommerziellen Nutzung entfernt ist.

Vorschriften: Wärme, Verkehr und Industrie

Die Stromerzeugung ist nur ein Teil der Energiewende. Der größere Teil des Energieverbrauchs entfällt auf Heizen, Verkehr und Industrieprozesse – und dort setzt die Politik neben dem CO₂-Preis vor allem auf Vorschriften.

Wie umstritten das ist, zeigte das Gebäudeenergiegesetz von 2023, bekannt als „Heizungsgesetz“: Neue Heizungen sollen schrittweise zu mindestens 65 Prozent mit erneuerbarer Energie laufen. Die Debatte darüber spaltete die damalige Koalition und verunsicherte Millionen Hausbesitzer. Für die Industrie gelten strenge Emissions- und Effizienzauflagen sowie aufwendige Genehmigungsverfahren für neue Anlagen.

Vorschriften wirken schneller und gezielter als Preise, sind aber teurer für Einzelne und politisch unbeliebter. Ein hoher CO₂-Preis dagegen lässt Haushalten und Unternehmen die Wahl, wie sie sparen – trifft aber Geringverdiener stärker.

Die drei Ziele, die sich widersprechen

Energiepolitik versucht immer drei Ziele gleichzeitig zu erreichen – das sogenannte energiepolitische Dreieck:

Kohle ist sicher, aber klimaschädlich und durch den CO₂-Preis teuer. Wind und Sonne sind günstig und sauber, aber schwankend. Gas ist flexibel, aber importabhängig, wie die Krise 2022 gezeigt hat. Jeder Kraftwerkspark ist deshalb ein Kompromiss.

Faustregel: Erneuerbare liefern billige Energie. Teuer wird die Absicherung für die Stunden, in denen sie fehlen – und genau dort entscheidet sich, ob die Energiewende bezahlbar bleibt.

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Wie sich der Kraftwerksmix auf deine Stromrechnung auswirkt, erklärt der Artikel Woraus setzt sich der Strompreis zusammen?.

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