Woraus setzt sich der Strompreis zusammen?
Kaum eine Zahl wird in Deutschland so emotional diskutiert wie der Strompreis. Dabei ist er gar keine einzelne Zahl, sondern ein Stapel aus sehr unterschiedlichen Bestandteilen – von denen die Politik einige direkt steuern kann und andere kaum.
Wer verstehen will, warum Strom teuer oder billig ist, muss diesen Stapel einmal auseinandernehmen. Genau so rechnet auch der Deutschland Simulator: Der Strompreis im Spiel ist keine geschätzte Fantasiezahl, sondern wird jeden Monat aus Kraftwerkspark, Erzeugungskosten, Netzentgelten und Steuern neu zusammengesetzt.
Die vier Schichten des Haushaltsstrompreises
Ein Haushaltsstrompreis besteht im Kern aus vier Schichten:
- Erzeugung (Beschaffung): Was es kostet, die Kilowattstunde im Kraftwerk, Windpark oder auf dem Dach zu produzieren bzw. am Großhandelsmarkt einzukaufen.
- Handel und Vertrieb: Die Marge des Stromanbieters, Abrechnung, Kundenservice, Risikoabsicherung.
- Netzentgelte, Umlagen und Stromsteuer: Die Kosten für Übertragungs- und Verteilnetze, die Konzessionsabgabe an die Gemeinden, mehrere kleinere Umlagen (etwa für Kraft-Wärme-Kopplung und Offshore-Netzanbindung) sowie die Stromsteuer von 2,05 Cent pro Kilowattstunde.
- Mehrwertsteuer: 19 Prozent – und zwar auf die gesamte Rechnung, also auch auf Netzentgelte und Stromsteuer. Der Staat erhebt hier also Steuer auf Steuer.
Im Deutschland Simulator sieht der Haushaltsstrompreis zum Spielstart im Mai 2025 so aus:
| Bestandteil | ct/kWh |
|---|---|
| Erzeugung (gewichteter Kraftwerksmix inkl. Importe) | ≈ 15,2 |
| Handel & Vertrieb (rund 15 % Aufschlag) | ≈ 2,3 |
| Netzentgelte, Konzessionsabgabe, Umlagen | ≈ 7,8 |
| Stromsteuer | 2,05 |
| Mehrwertsteuer (19 %) | ≈ 5,2 |
| Haushaltsstrompreis | ≈ 32,5 |
Auffällig: Selbst wenn die Erzeugung gratis wäre, bliebe ein Sockel von über 15 Cent pro Kilowattstunde. Netze, Abgaben und Steuern sind also ein riesiger Hebel – und ein Grund, warum ein noch so günstiger Solarpark die Stromrechnung nicht halbiert.
Die Merit-Order: Warum das teuerste Kraftwerk den Preis macht
An der Strombörse werden Kraftwerke nach ihren Grenzkosten sortiert – also danach, was es kostet, eine zusätzliche Kilowattstunde zu erzeugen. Wind und Sonne haben fast keine Grenzkosten (der Wind schickt keine Rechnung), danach kommen Kernkraft, Braunkohle, Steinkohle und ganz am Ende Gaskraftwerke. Diese Reihenfolge heißt Merit-Order.
Eingesetzt wird von unten nach oben, bis die Nachfrage gedeckt ist. Das letzte Kraftwerk, das gerade noch gebraucht wird, setzt den Börsenpreis – und diesen Preis bekommen alle Erzeuger, auch der Windpark. Deshalb ließ die Gaskrise 2022 den Strompreis explodieren, obwohl nur ein Teil des Stroms aus Gas stammte: Gas war schlicht das preissetzende Kraftwerk.
Der Simulator bildet dieses Prinzip mit einem echten Dispatch nach: Erneuerbare werden zuerst eingespeist (mit jahreszeitlichen Schwankungen – Solar im Sommer, Wind im Winter), danach füllen steuerbare Kraftwerke die Lücke. Was dann noch fehlt, wird aus dem europäischen Verbundnetz importiert – und Importstrom ist im Spiel die teuerste Quelle überhaupt.
Was kostet Strom aus welcher Quelle?
Für die Erzeugung rechnet der Simulator mit sogenannten Stromgestehungskosten (englisch LCOE): Was kostet eine Kilowattstunde über die gesamte Lebensdauer einer Anlage, inklusive Bau, Betrieb, Brennstoff und CO₂-Kosten? Die Werte orientieren sich an den Studien des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE):
| Quelle | ct/kWh im Simulator |
|---|---|
| Solar (überwiegend Freiflächenanlagen) | 7,0 |
| Wind (überwiegend an Land) | 8,8 |
| Wasserkraft | 9,0 |
| Gas | 14,5 |
| Biomasse | 19,5 |
| Kohle | 22,2 |
| Import (Spitzenlast) | bis 35 |
Neue Wind- und Solarparks gehören damit zu den günstigsten Quellen. Ihr Haken ist nicht der Preis, sondern die Verfügbarkeit: Nachts und bei Flaute braucht es steuerbare Kraftwerke, Speicher oder Importe. Genau dieser Zielkonflikt zwischen günstig und jederzeit verfügbar macht Energiepolitik so schwierig – im echten Leben wie im Spiel, wo die Versorgungssicherheit als eigene Kennzahl mitläuft.
Warum die Industrie nur halb so viel zahlt
Im Simulator zahlt die Industrie zum Start rund 16,7 ct/kWh, also etwa die Hälfte des Haushaltspreises. Das liegt nicht an billigerem Strom, sondern an anderen Abgaben:
- Keine Mehrwertsteuer: Unternehmen ziehen sie als Vorsteuer ab.
- Stromsteuer fast null: Für das produzierende Gewerbe wurde sie auf das EU-Mindestmaß von 0,05 ct/kWh gesenkt.
- Reduzierte Netzentgelte: Großabnehmer hängen oft direkt am Hochspannungsnetz und profitieren von Sonderregelungen.
- Geringere Handelsmarge: Wer Gigawattstunden abnimmt, verhandelt anders als ein Privathaushalt.
Für die Volkswirtschaft ist der Industriestrompreis trotzdem der kritischere Wert: Er entscheidet mit darüber, ob energieintensive Branchen wie Chemie, Stahl oder Glas in Deutschland bleiben. Im Simulator wirkt der Industriestrompreis deshalb direkt auf das Wirtschaftswachstum, der Haushaltsstrompreis dagegen auf Lebensstandard und Zufriedenheit.
Welche Stellschrauben hat die Politik?
Die Schichten des Strompreises lassen sich politisch sehr unterschiedlich bewegen:
- Mehrwertsteuer: Wirkt sofort und spürbar, kostet den Staat aber Milliarden – und gilt für alle Waren, nicht nur für Strom (außer man schafft eine Sonderregel).
- Stromsteuer: Eine Senkung für alle Haushalte auf das EU-Minimum wird seit Jahren politisch diskutiert. Sie würde den Preis um rund 2,3 Cent brutto senken.
- Netzentgelte: Lassen sich nur über Zuschüsse aus dem Haushalt drücken – der Netzausbau selbst muss trotzdem bezahlt werden.
- Erzeugungsmix: Der langfristig wirksamste, aber langsamste Hebel. Ein Windpark braucht Jahre von der Planung bis zum ersten Strom.
Faustregel: Steuern senken wirkt schnell, kostet aber jedes Jahr wieder. Den Kraftwerkspark umbauen wirkt langsam, senkt die Kosten aber dauerhaft.
So spielst du es im Deutschland Simulator
Im Ressort Energie schaltest du Erzeugungsarten an und ab und legst fest, wie stark Wind, Solar, Gas, Kohle oder Kernkraft ausgebaut werden. Ein paar Dinge, die sich bewährt haben:
- Importe im Blick behalten. Wenn du Kohle oder Gas schneller abbaust, als Erneuerbare nachwachsen, füllt Importstrom die Lücke – und der ist teuer. Der Strompreis steigt dann, obwohl dein Mix „sauberer“ aussieht.
- Geduld beim Ausbau. Neue Kapazität wirkt erst nach und nach auf den Preis, weil sich auch im Spiel Erzeugungskosten und Netzentgelte nur graduell anpassen. Die Mehrwertsteuer dagegen schlägt sofort durch.
- Energiesteuer-Regler beachten. Im Ressort Steuern bewegt die Energiesteuer auch die Stromsteuer im realen Verhältnis mit. Wer Benzin entlasten will, entlastet automatisch auch ein wenig den Strom – und verliert entsprechend Einnahmen.
- Industriepreis = Wachstum. Wenn das BIP schwächelt, lohnt ein Blick auf den Industriestrompreis. Günstiger Strom für die Industrie ist einer der direktesten Wachstumshebel im Spiel.
Wie sich CO₂-Preis und Energiesteuer auf Sprit, Heizöl und Gas auswirken, erklärt der Artikel CO₂-Preis und Spritpreis.