Verteidigungsausgaben – vom 2-Prozent-Ziel zur Zeitenwende
Nach dem Ende des Kalten Kriegs hat Deutschland jahrzehntelang bei der Bundeswehr gespart – die sogenannte Friedensdividende. Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 hat sich das grundlegend geändert. Inzwischen gehören die Verteidigungsausgaben zu den am schnellsten wachsenden Posten im Bundeshaushalt.
Das NATO-Ziel: von 2 auf 5 Prozent
2014 vereinbarten die NATO-Staaten in Wales, ihre Verteidigungsausgaben innerhalb von zehn Jahren auf 2 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung zu erhöhen. Deutschland lag damals bei etwa 1,2 Prozent und hat das Ziel erst 2024 erstmals erreicht – auch dank des Sondervermögens.
Beim NATO-Gipfel in Den Haag im Juni 2025 haben die Bündnispartner das Ziel drastisch angehoben: Bis 2035 sollen 5 Prozent des BIP in Sicherheit fließen – 3,5 Prozent für die Kernverteidigung (Personal, Ausrüstung, Betrieb) und 1,5 Prozent für verteidigungsrelevante Infrastruktur wie Brücken, Häfen, Cyberabwehr und Zivilschutz. Die Bundesregierung plant, die 3,5 Prozent bereits bis 2029 zu erreichen.
Zur Einordnung: Ein Prozent des deutschen BIP entspricht rund 45 Milliarden Euro. Der Schritt von 2 auf 3,5 Prozent bedeutet also jedes Jahr fast 70 Milliarden Euro zusätzlich.
Woher kommt das Geld?
Drei Finanzierungswege laufen derzeit parallel:
- Das Sondervermögen Bundeswehr: 2022 beschloss der Bundestag einen kreditfinanzierten Sondertopf von 100 Milliarden Euro, abgesichert im Grundgesetz. Damit wurden vor allem Großprojekte wie Kampfflugzeuge, Hubschrauber und Munition bestellt.
- Die Ausnahme von der Schuldenbremse: Seit der Grundgesetzänderung im März 2025 zählen Verteidigungsausgaben oberhalb von 1 Prozent des BIP nicht mehr zur Schuldenbremse. Sie dürfen also unbegrenzt über Kredite finanziert werden.
- Der reguläre Haushalt: Der Verteidigungsetat selbst wächst ebenfalls deutlich.
Ökonomisch heißt das: Ein großer Teil der neuen Verteidigungsausgaben wird über Schulden bezahlt. Das entlastet kurzfristig andere Haushaltsposten, erhöht aber langfristig die Zinslast.
Was bringt das Geld?
Mehr Geld allein macht noch keine verteidigungsfähige Armee. Die Bundeswehr kämpft mit Problemen, die sich nicht über Nacht lösen lassen:
- Beschaffung: Rüstungsprojekte dauern oft viele Jahre, die Produktionskapazitäten der Industrie sind begrenzt, und das Vergaberecht gilt als langsam.
- Personal: Die Bundeswehr hat rund 180.000 aktive Soldatinnen und Soldaten und soll deutlich wachsen. Ab 2026 gibt es deshalb einen neuen Wehrdienst, der zunächst auf Freiwilligkeit setzt.
- Material und Infrastruktur: Kasernen sind teils marode, Ersatzteile und Munition fehlen.
Rüstungsausgaben haben auch eine wirtschaftliche Seite. Ein Teil des Geldes fließt in die heimische Industrie und schafft dort Arbeitsplätze und Forschung. Ökonomen gehen allerdings davon aus, dass klassische Investitionen in Bildung oder Infrastruktur das Wachstum stärker anschieben als Rüstungsausgaben.
Innere Sicherheit: Polizei und Cyberabwehr
Zur Sicherheit gehört nicht nur das Militär. Für die Polizei sind in Deutschland überwiegend die Länder zuständig, der Bund unterhält die Bundespolizei (Grenzschutz, Bahnhöfe, Flughäfen) und das Bundeskriminalamt.
Immer wichtiger wird die Cyberabwehr: Angriffe auf Behörden, Krankenhäuser, Energieversorger und Unternehmen nehmen zu, teils von kriminellen Gruppen, teils staatlich gesteuert. Der Schutz kritischer Infrastruktur ist heute ebenso Teil der Landesverteidigung wie Panzer und Flugabwehr.
Der Zielkonflikt
Verteidigung ist ein klassisches Beispiel für ein öffentliches Gut: Ihr Nutzen ist unsichtbar, solange nichts passiert – und genau deshalb wurde jahrzehntelang dort gespart. Jeder zusätzliche Euro fehlt an anderer Stelle oder muss über Schulden oder höhere Steuern finanziert werden.
Die Kernfrage: Wie viel Sicherheit ist nötig, um glaubwürdig abzuschrecken – und wie viel davon kann sich ein Land leisten, ohne Sozialstaat, Investitionen und Staatsfinanzen zu überfordern?
So spielst du es im Deutschland Simulator
Im Ressort Sicherheit stellst du die Verteidigungsausgaben in Prozent des BIP ein (Start: 2,4 %), dazu das Budget für Polizei / Innere Sicherheit und die Cyber-Sicherheit.
- Ausgaben wachsen mit der Wirtschaft. Weil der Regler in Prozent des BIP angegeben ist, steigen die Kosten automatisch, wenn die Wirtschaft wächst.
- Militärische Stärke wächst langsam. Höhere Verteidigungsausgaben bauen die militärische Stärke Deutschlands über die Jahre auf und verbessern die äußere Sicherheit. Zusammen mit dem NATO-Engagement im Ressort International entscheidet das, wie gut Deutschland im Vergleich zu anderen Weltregionen dasteht.
- Über 2,5 Prozent bremst es das Wachstum. Sehr hohe Verteidigungsausgaben dämpfen das Wirtschaftswachstum leicht, weil das Geld nicht in produktivere Investitionen fließt.
- Polizei wirkt nach innen. Ein höheres Polizeibudget senkt die Kriminalität und stärkt die innere Sicherheit, kostet aber laufend Geld.
- Cyberabwehr schützt die Infrastruktur. Sie verbessert die innere Sicherheit und schützt vor Angriffen auf kritische Systeme.
- Jeder Prozentpunkt ist teuer. Ein Prozentpunkt mehr bei der Verteidigung kostet im Spiel wie in der Realität über 40 Milliarden Euro im Jahr. Ohne Gegenfinanzierung steigen Defizit und Schuldenquote spürbar.
Wie sich das auf die Staatsfinanzen auswirkt, erklärt der Artikel über Staatsschulden und Schuldenbremse.