Mehrwertsteuer – warum Milch 7 % und Mineralwasser 19 % kostet
Jeder bezahlt sie, fast niemand bemerkt sie: Die Mehrwertsteuer steckt in nahezu jedem Kassenbon. Für den Staat ist sie neben der Einkommensteuer die wichtigste Einnahmequelle – und für die Politik ein Instrument, das schnell wirkt, aber selten gerecht verteilt.
Zwei Sätze, viele Ausnahmen
In Deutschland gibt es zwei Mehrwertsteuersätze:
- Den Normalsatz von 19 Prozent für die meisten Waren und Dienstleistungen: Kleidung, Elektronik, Handwerkerleistungen, Strom, Benzin und vieles mehr.
- Den ermäßigten Satz von 7 Prozent für Güter des Grundbedarfs und einige kulturelle Leistungen: die meisten Lebensmittel, Bücher und Zeitungen, Bus- und Bahnfahrten, Hotelübernachtungen und seit 2026 auch Speisen im Restaurant.
Daneben sind manche Leistungen ganz von der Mehrwertsteuer befreit, etwa Arztbehandlungen, Mieten für Wohnraum oder die meisten Versicherungen.
Der Normalsatz lag lange bei 16 Prozent und wurde 2007 auf 19 Prozent angehoben – die größte Steuererhöhung in der Geschichte der Bundesrepublik. Im zweiten Halbjahr 2020 senkte die Bundesregierung die Sätze befristet auf 16 und 5 Prozent, um in der Corona-Krise den Konsum anzukurbeln.
Kuriose Abgrenzungen
Welche Güter ermäßigt besteuert werden, ist historisch gewachsen und folgt nicht immer einer erkennbaren Logik. Einige bekannte Beispiele:
- Milch wird mit 7 Prozent besteuert, Mineralwasser mit 19 Prozent.
- Kaffeebohnen kosten 7 Prozent, ein Kaffee zum Mitnehmen mit viel Milch kann je nach Milchanteil unterschiedlich besteuert sein.
- Hundefutter ist ermäßigt, Babywindeln nicht.
- Trüffel sind als Lebensmittel ermäßigt, Schnittblumen ebenfalls.
Solche Abgrenzungen beschäftigen regelmäßig Finanzgerichte. Ökonomen schlagen deshalb immer wieder vor, die ermäßigten Sätze stark zu vereinfachen und Geringverdiener stattdessen gezielt zu entlasten. Politisch ist das schwer durchzusetzen, weil jede gestrichene Ermäßigung als Steuererhöhung wahrgenommen wird.
Wie der Vorsteuerabzug funktioniert
Die Mehrwertsteuer heißt offiziell Umsatzsteuer, und sie wird auf jeder Stufe der Wertschöpfung erhoben. Damit sich die Steuer nicht von Stufe zu Stufe aufschaukelt, gibt es den Vorsteuerabzug: Unternehmen ziehen die Steuer, die sie selbst beim Einkauf gezahlt haben, von der Steuer ab, die sie beim Verkauf einnehmen.
Beispiel: Eine Bäckerei kauft Mehl für 100 € plus 7 € Steuer und verkauft daraus Brot für 300 € plus 21 € Steuer. Ans Finanzamt überweist sie nur die Differenz: 21 € minus 7 € = 14 €. Besteuert wird also jeweils nur der Wert, den sie selbst hinzugefügt hat – der „Mehrwert“.
Am Ende der Kette steht die Verbraucherin, die keine Vorsteuer abziehen kann. Sie trägt die volle Steuer. Für Unternehmen ist die Mehrwertsteuer deshalb im Kern ein durchlaufender Posten, für Privatleute eine echte Belastung.
Wer trägt die Last?
Die Mehrwertsteuer gilt als regressiv: Menschen mit geringem Einkommen geben einen viel größeren Teil ihres Einkommens für Konsum aus als Gutverdiener, die einen Teil sparen. Eine Erhöhung trifft sie deshalb relativ härter. Genau deshalb gibt es den ermäßigten Satz für Lebensmittel.
Gleichzeitig ist die Mehrwertsteuer für den Staat besonders verlässlich: Sie schwankt weniger mit der Konjunktur als Unternehmensteuern, ist schwer zu umgehen und lässt sich nicht durch Umzug ins Ausland vermeiden. Innerhalb der EU schreibt eine Richtlinie einen Normalsatz von mindestens 15 Prozent vor. Deutschland liegt mit 19 Prozent im unteren Mittelfeld; Länder wie Ungarn (27 %) oder die skandinavischen Staaten (25 %) verlangen deutlich mehr.
Grob gerechnet bringt ein Prozentpunkt beim Normalsatz dem Staat mehr als zehn Milliarden Euro im Jahr.
Wirkt eine Mehrwertsteuersenkung?
Ob eine Senkung bei den Verbrauchern ankommt, hängt davon ab, ob die Händler sie weitergeben. Bei der befristeten Senkung 2020 geschah das zu einem großen Teil, aber nicht vollständig – und je nach Branche sehr unterschiedlich. Bei der Gastronomie wird bis heute gestritten, ob niedrigere Steuersätze die Preise senken oder vor allem die Margen der Betriebe stützen.
Eine Erhöhung schlägt dagegen meist schnell auf die Preise durch und treibt die Inflation – zumindest einmalig.
So spielst du es im Deutschland Simulator
Im Ressort Steuern findest du unter „Mehrwertsteuer“ zwei Regler: den Normalsatz (Start: 19 %) und den ermäßigten Satz (Start: 7 %).
- Ein starker Einnahmehebel. Die Umsatzsteuer gehört auch im Spiel zu den größten Einnahmen. Der Normalsatz wiegt dabei deutlich schwerer als der ermäßigte.
- Sofort spürbar. Eine Änderung wirkt ab dem Monat, in dem du sie beschließt – auch auf den Strompreis, auf den ja Mehrwertsteuer aufgeschlagen wird, und auf die Spritpreise.
- Inflation mit Basiseffekt. Eine Erhöhung treibt die Inflation, aber nicht dauerhaft: Wie in der Realität läuft der Effekt nach einiger Zeit aus, weil sich die Vergleichsbasis an das neue Preisniveau anpasst.
- Konsumklima beachten. Hohe Sätze dämpfen die Kaufkraft und die Stimmung der Verbraucher. Das senkt wiederum die Einnahmen – höhere Sätze bringen also nicht linear mehr Geld.
Mehr zur zweiten großen Steuer erklärt der Artikel Einkommensteuer verstehen.